NACHDENKLICHES

Wie starb Andreas?

An dieser Stelle möchten wir Sie mit dem ganzen Schrecken und Leiden eines Verkehrsunfalls konfrontieren. Deshalb möchten wir über die gesamte Dramatik und auch die Grausamkeit eines Unfalles berichten. Die jährlichen Unfallstatistiken des Bundesministeriums für Inneres zeigen, dass in Österreich die Hauptursache bei tödlichen Verkehrsunfällen jeweils zu rund 1/3 Unachtsamkeit bzw. Ablenkung sowie nicht angepasste Fahrgeschwindigkeit sind. Bei einem nicht unwesentlichen Teil der tödlichen Unfälle ist auch Alkohol mit im Spiel. Besonders zu erwähnen ist, dass es bei der Unfallursache "nicht angepasste Geschwindigkeit" stetig Anstiege gibt. An einem Freitag ereignen sich statistisch gesehen die meisten Unfälle mit Sachschäden, "todsicher" - im traurigsten Sinne des Wortes - ist man an einem Samstag zwischen 15 und 21 Uhr unterwegs.


Der Hauptdarsteller heißt in diesem Fall "Andreas", doch genauso gut könnte er anders heißen - vielleicht genauso wie ... ?


Sekunde null
Andreas fährt 90 km/h. Sein Auto wiegt 1.200 kg. Bei diesem Tempo stecken im Auto 38.226 kg Translationsenergie (die nach vorne in Fahrtrichtung strebende Wucht). Das entspricht der Wucht einer aus 2.000 Meter Höhe abgeworfenen 250 kg Bombe, die mit einer Kraft von 1000 bis 3000 Kilonewton auf hartes Pflaster knallen würde.

Andreas tut von sich aus noch 2.230 kg Energie hinzu, weil er 70 kg wiegt und auch 90 km/h fährt. Soeben fährt er gegen einen Baum.


Sekunde 0,1
Das Zehntel einer Sekunde ist vorbei. Stoßstange und Kühlergrill sind eingedrückt, die Motorhaube beginnt sich zu krümmen.

Der Wagen hat etwa 5 km/h an Fahrt verloren. Andreas fühlt sich deutlich nach vorne gedrängt. Neben seinem Gewicht, das mit 70 kg im Polster sitzt, hat er nun auch ein Gewicht nach vorne von 170 kg. Andreas macht die Beine steif, um dieser Neuigkeit im wörtlichen Sinn entgegenzutreten. Und er drückt gegen das Lenkrad, damit es ihn nicht aus dem Sitz hebt.

Mit den Beinen stemmt er rund 156 kg ab, mit den Armen stemmt er auch ca. 30 bis 35 kg. Er hätte nie geglaubt, dass er so stark ist, aber es gelang ihm, noch sitzen zu bleiben.

Da kommt der zweite harte Stoß. Noch ehe er sich besinnen kann, ist die erste Zehntelsekunde vorbei.


Sekunde 0,2
Die etwas härteren Teile des Fahrzeuges, Radaufhängung und Kühler, sind soeben am Baum angekommen. Die Verbindungen mit dem Wagen reißen ab, denn der übrige Wagen fährt noch sehr schnell, insbesondere hinten mit dem Kofferraum.

Andreas fühlt jetzt einen mächtigen Schlag auf den Beinen, denn der Teil des Wagens, gegen den er sich mit den Füßen stemmt, wurde soeben auf etwa 60 km/h abgebremst. Mit den Beinen stemmt er 350 bis 420 kg ab. Wollte er jetzt noch sitzen bleiben, müsste er mit den Armen 220 kg am Lenkrad abstemmen, aber das schafft er doch nicht.

Seine Kniegelenke geben nach, sie brechen einfach knirschend oder springen aus dem Gelenk. Und deutlich spürbare Gewalt zieht ihn mit seinem Gewicht von rund 140 kg auf einer Kreisbahn nach oben in die Ecke der Sonnenblende. Alles in allem verteilt Andreas zurzeit insgesamt 413 kg Eigengewicht auf seine Gliedmaßen.


Sekunde 0,3
Andreas hat jetzt ein etwas leichteres Schicksal: Er ist mit Fliegen beschäftigt, er ist noch unterwegs zu den Hindernissen.

Seine gebrochenen Knie kleben am Armaturenbrett, mit den Händen hält er fest das Lenkrad, das sich unter seinem Griff elastisch biegt, und ihn um weitere 5 km/h abbremst.


Sekunde 0,4
Andreas ist noch immer unterwegs, sein Becken stößt gegen den Lenkradkranz. In diesem Moment ist Andreas nur etwa 100 kg schwer. Die Lenksäule biegt sich unmerklich nach oben. Da kommt der furchtbare Moment, indem der schwerste und stabilste Teil des Wagens, der Motor, an den Baum kracht.


Sekunde 0,5 ist soeben vorbei.
Motor und Andreas stehen still. Nur der Kofferraum fährt noch mit 50 bis 60 km/h. Die Seitenwände des Wagens überholen sich selbst. Die Hinterräder bäumen sich hoch auf: zwei, drei Meter hoch. Aber der Wagen interessiert uns jetzt nicht!

Was ist mit Andreas in dieser Zeit passiert? Er kam im Verlauf einer Zehntelsekunde zum Stillstand.

Sein Gewicht wuchs auf 973 kg an. Mit dieser erbarmungslosen Gewalt wurde er auf die Lenksäule geschleudert. Das Lenkrad, an dem er sich noch immer fest hielt, brach unter dieser Stoßkraft zusammen wie ein morscher Baum. Mit der Kraft von rund 870 bis 920 kg (je nach Stärke des Volants) dringt die Lenksäule als stumpfe Lanze in seine Brust.

Gleichzeitig rammt der Kopf mit einem betäubenden Schlag die Windschutzscheibe. Hätte sich Andreas nicht mit so übermenschlicher Kraft am Lenkrad fest gehalten, dann würde er vielleicht auch 1.300 kg schwer geworden sein, in diesem Moment. Und dabei wären ihm die festgeschnürten Schuhe von den Füßen geflogen.

Noch eine oder zwei Zehntelsekunden, dann ist Andreas tot. Nach sieben Zehntelsekunden steht der Wagen still. Das Unglück ist vorbei.


Sagen sie einmal „einundzwanzig“: Das ist eine Sekunde.

Und nun sagen sie „zwanzig“: Das ist für Andreas die Zeit in die Ewigkeit gewesen...